Samstag, 2. Januar 2016

2016: ankommen und angekommen.

Foto: Pierino Cerliani

Zehnmal habe ich mitgemacht, mich 10 Jahre lang eingereiht und Weihnachtswünsche verschickt. 2016 feiert wortfeiler nämlich den 10. Geburtstag. Und weil den ewig gleichen Rhythmen, Schemata und Strukturen folgen so gar nicht mein Ding ist, habe ich mit dieser nicht vorhandenen Tradition gebrochen – und keine Weihnachtswünsche und auch keine Silvesterwünsche verschickt. 

Und mal ehrlich: Hat jemand gemerkt, dass zwischen den vielen Karten, Briefen, Mails und Postings kein Wort von mir war? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das macht nichts, denn wirklich relevant, aussagekräftig und ernstgemeint sind die wenigsten der oftmals gutgemeinten Botschaften. Meist handelt es sich eher um einen vorgedruckten, langweiligen oder lapidaren Wink mit dem Strohmast, der vielleicht nicht einmal wahrgenommen, geschweige denn gelesen wird. 

Warum also jetzt? Ich könnte doch einfach die Klappe halten. Vor Weihnachten ist schließlich nach Silvester. Und da muss ich doch nicht noch etwas nachschieben. Doch! Ich will. Wie war das also mit 2015? 

Ich blicke ihm nach. Dem Jahr 2015. Kopfschüttelnd, staunend, empört, überrascht, allerdings mit wenig Wehmut, dafür mit ein bisschen zuversichtlicher Hoffnung auf Wertschätzung. Der eigenen und der für andere. Damit die, die ankommen, sich angekommen fühlen dürfen und die, die meinen, sie sind längst angekommen, auch wirklich ankommen. Klingt kompliziert? Ist es nicht, aber komplex. 

Die Umfragen und Meldungen hauen es uns nämlich immer wieder um die Ohren: Angst geht um. Ängste machen sich breit. Terrorwarnungen und -anschläge, Völkerwanderungen, Flüchtlingsströme und Wirtschaftsbetrug – auf nichts ist mehr Verlass und zu viele Menschen sehen sich in einer nicht mehr vorhersehbaren Welt, in der die eigene kleine Komfortzone vermeintlich bedroht und instabil wirkt. Wirklich? Denn: Die Kaufkraft steigt, die Löhne auch, die Lebenshaltungskosten steigen kaum und der Konsum läuft unverdrossen weiter. Warum also so viel Angst? Weil Angst Veränderungen bedeutet und wir uns lieber ausruhen und auf hohem Niveau jammern? Weil Ungewissheit bedrohlich ist und mögliche Enttäuschungen unschön sind? 

Angst kann doch auch ein Motor sein, eine Chance auf Entwicklungen, eine Erweiterung des Horizonts und nicht zuletzt Wertschätzung. Machen wir unsere Welt nicht kleiner als sie in Wirklichkeit ist? Und sind wir nicht ein bisschen spät dran, um Angst zu haben? 

Denn eigentlich baden wir nur die Folgen unseres eigenen Handelns und Tuns aus. Die Globalisierung läuft doch seit Jahrhunderten und wir sind es gewohnt, alles zu haben und zu bekommen – und das möglichst billig, günstig und preiswert. Und wir schauen nicht dahinter. Dorthin, wo die Rohstoffe, die wir freimütig verjubeln, herkommen. Auch nicht dahin, wo Menschen für uns schuften, damit wir es einfach und bequem haben. Und fragen wir uns, was billige Rohstoffe, Kleidung, Lebensmittel, Produkte und Reisen bedeuten? Sie sind billig für uns und haben dennoch keinen Wert. 

Uns geht es nicht gut? Oder nicht gut genug? Aber anderen geht es besser oder schlicht zu gut im Vergleich zu uns. Wirklich? Oder kriegen wir den Hals einfach nicht voll und gönnen anderen nicht das Schwarze unter den Nägeln? Wenn wir es nicht machen, macht es nachher noch ein anderer und die anderen machen es doch auch? Wer sind wir, dass wir uns einen Euro oder zwei entgehen lassen! Und die Moralkeule ist doch auch peinlich. 

Haben wir wirklich Probleme, Sorgen und Nöte oder verursachen wir sie nicht selbst. Und das seit Jahrhunderten. Damit es für uns noch ein wenig bequemer und billiger ist. Und wir vergessen, wir sind mittendrin. In der vernetzten, globalisierten Welt, in der weltweit gehandelt, fröhlich Waren hin- und hergeschoben werden. Von Waffen und Öl möchte ich erst gar nicht anfangen. Von Religionen auch nicht. 

Und die Welt klopft dann halt auch mal die Tür. Irgendwann können wir sie nicht mehr ignorieren. Und auch nicht die Folgen und Ursachen, die wir verdrängen möchten und erinnern uns an vermeintliche Werte und Tugenden, die nie welche waren und gar keine sind – wir schüren unsere eigenen Ängste. 

Und wir vergessen etwas: Entschuldigung, wir waren das. Wir machen das, wir machen mit und sind mittendrin. Weil Globalisierung nicht nur Waren betrifft, sondern immer auch Menschen. Wir sind die, die auf der richtigen Seite der Weltkugel hocken, reiben uns die Bäuche und fragen uns, wie es uns noch ein wenig besser gehen kann. Die anderen hatten und haben einfach Pech und sollen dort bleiben, wo wir sie nicht sehen. Und wenn sie schon hier bei uns sein müssen, sollen sie wenigstens nicht auffallen, sondern schön konform mitmachen.

Und wie kann 2016 sein? 

Wir sollten nie aufhören, es zu versuchen. Und Chancen erkennen. Und aus Bequemlichkeit nicht jede Abkürzung nehmen, die sich bietet und nicht auf blanke Polemik und oberflächliches Geplänkel reinfallen. Und nicht dauernd Fehler und Schuld bei anderen suchen. Und uns nicht klein denken und unsere kleine gedankliche Insel einfach verlassen. Denn Welt und Wirklichkeit werden nicht weniger furchteinflößend, wenn wir sie uns schön denken und reden und Tatsachen ausblenden. 

Wir sollten endlich ankommen. In der realen Welt. Dann wird das was mit dem neuen Jahr. Ohne Angst, mit Wertschätzung und dem Bewusstsein, wir sind alle ein Teil der Welt und mittendrin. 

Dienstag, 8. Dezember 2015

konsumverweigerung.

"Guten Tag, ich rufe von XYZ an. Sie haben vor einiger Zeit etwas bei uns bestellt, daher ..."

"Entschuldigung, es kommt nicht wieder vor."

"Haha, wie meinen Sie das jetzt?"

"Nun, ich habe zwei Kleidungsstücke bei Ihnen bestellt. Als Herstellungsländer werden auf den eingenähten Zettelchen China, Sri Lanka oder Bangladesch genannt. Da die Produktionsbedingungen wahrscheinlich nicht sehr nett sind, sehe ich von weiteren Bestellungen ab. Ich werde nichts mehr bei Ihnen bestellen. Oder können Sie mir etwas zu den Herstellungsbedingungen Ihrer Produkte sagen."

"Öhm, nein, dazu kann ich nichts sagen."

"Warum rufen Sie eigentlich an? Was kann ich für Sie tun?"

"Ähm, nichts. Das hat sich dann erledigt."

Mittwoch, 8. Juli 2015

musse schlackern. abba ordentlich.

Ich sammele sie immer separat in einer Wäschebox und alle paar Wochen sind sie dran, die Handtücher. Handtücher sind nämlich eine Wissenschaft für sich. Also, nicht das Handtuch an sich, aber der Umgang mit selbigen. Nee, auch nicht beim Abtrocknen, sondern beim Waschen. Eigentlich beim Waschen, Aufhängen und Abnehmen, Zusammenlegen und Wegpacken der Handtücher.

Das sage nicht ich, das trichterte mir Omma ein: Dat is nemmich sone Sache.

Dat mit dem Waschen geht ja noch. Da kannze an sich nicht so viel bei falsch machen, begann sie ihren Lehrgang. Bunte Hantücha aufn Haufen un weiße aufn andern. Wenn die nich mehr so schön sin, dann musse die bleichn, dann gehn die wieda. Schön heiß waschn, unter 60 °C geht da nix. Auch die buntn, die können dat ab. Wennse wat taugn. Bei Hantücha tusse bessa nich sparn, dat rächt sich nemmich späta. Un nich son billges Waschpulva nehm, lech wat an. Ich nehm Ariel, Persil geht vielleich au, abba nich vom Aldi, dat taucht nix. 

Dann gehtet abba ers los mitti Maloche, warnte Omma an dieser Stelle, am besten is, wennze die gewaschenen Hantücha nach draußn hängs. So richtig in Garten. Auffe Leine oda schön ordentlich anne Spinne. Damit die flattern können. Dann sind die fix trockn, riechn gut un behalt ihre Form. Die können auch bissken nass werdn und so richtich knackign Frost, der macht die Dinga schön muckelich.

Nun wurde es persönlich, an dieser Stelle setzte Omma immer demonstrativ den Zeigefinger vor meine Nase: Un nie vergessn! Hantücha musse schlackern!! Imma!!! Abba ordntlich!!!! Volle Pulle, bisse dat inne Arme merks. Vorm und nachm Aufhängn. Hörsse? Wennze dat nemmich nich machs, dann reibs Dir naher die Fott wund. Un dat is nich schön, dat kannze ner alten Frau glaubn. Also: Nasset Hantuch ausm Korb nehm, so richtich ausse Arme raus schlackern un ers dann aufhängn! Dat Schlackern gibt son Geräusch. Wennze dat nich hören tus, dann hasse nich richtich geschlackert und die Hantücha hängn rum wie welken Sallat. Un beim Abnehm wieda schlackern un dann zusammlegn. Auf Kante. So richtich akkerat.

Bügeln? Ach wat, wennze Handtücha ordentlich schlackern tus, dann brauchsse nix bügeln. Wirs sehn, wie schön dat in Dein Schrank aussehn tut. Un sach dat dem Oppa nich, abba ich tu ja imma noch Spritza Kölnisch Wasser oder Tosca bei. Dat riech ich so gerne. 

Bei uns im Handtuchfach sieht es nicht aus wie in Omma ihrn Schrank. Wahrscheinlich fehlt doch Kölnisch Wasser. Oder Tosca. Oder mein Schweizer Ehegespons weiß nicht, wie man Handtücher richtig schlackert.

Und jetzt entschuldigt mich, ich muss zum Lehrgang. Damit der Mann das mit dem Schlackern endlich mal hinkriegt.

Omma würde mir das niemals durchgehen lassen.

PS: Omma gab sich natürlich nicht mit dem Schlackern von Handtüchern zufrieden. Keine halben Sachen, alles, jedes einzelne Stück und Teil Wäsche, das aus der Waschmaschine kommt, muss geschlackert werden, aufgehängt, abgenommen und noch einmal geschlackert werden. Aber ordentlich.

Dienstag, 5. Mai 2015

@ Michael Bauer. oder eine erwiderung.

Michael Bauer schrieb, so glaube ich, eine Antwort auf meinen letzten Artikel, der sich mit deutschen Dialekten und deutschen Hochsprache beschäftigt. Ich mag den Mann, seine Wortspielereien und seinen Humor. Daher hier meine Antwort, bzw. Erwiderung.

Lieber Michael, 

ich bin mir nicht ganz sicher, was mir Dein Text sagen will. Dialekte sterben aus, aber das ist halt so? Du sprichst Dialekt, weil er für Dich dazugehört? 

Ich finde, wir sollten vielleicht zuerst definieren, worüber wir reden. (Ja, die Philologin kommt zuweilen durch, was erlaubt sein mag. Ich kratze, versprochen, auch nur an der Oberfläche, sonst würde dieser Artikel ausarten und zwar gehörig.) 

Der Regiolekt steht für Dialekt, Mundart, Regionalsprache oder auch das Idiom, d. h. eine lokal und/oder sozial abgegrenzte Sprachvariante oder den in einer Region gesprochenen Dialekt. Dialekte haben eine räumlich begrenzte Reichweite und verfügen über phonologische, morphologische und lexikale Eigenheiten, durch die sie sich von anderen regionalen Variationen und der Standardsprache unterscheiden. Regionalsprache reicht ein wenig weiter, so sind beispielsweise alemannische Variationen in Süddeutschland und der Deutschschweiz in unterschiedlichen Abstufungen verbreitet, aber dennoch regionale Ausprägungen lokal vorhanden, deren Abgrenzungen variieren. Außerhalb von dort, also beispielsweise in Norddeutschland, lösen alemannische Satz- und Wortkonstruktionen eher Stirnrunzeln und fragende Blicke aus.      

Die Hochsprache entspricht der Schriftsprache, der Standardsprache, der Gemeinsprache, der Literatursprache, der Nationalsprache. Sie ist den lokalen Umgangssprachen übergeordnet, ist die allgemein (und national) verbindliche Sprachform, sie wird gesprochen und geschrieben; d. h. sie ist in einer Grammatik und Wörterbüchern kodifiziert und (sprachwissenschaftlich) das Gegenteil zur Umgangssprache. Sie ist überregional und in allen deutschsprachigen Regionen verständlich. Jetzt kann man weiter unterscheiden, wenn man davon ausgeht, dass es eine Standardsprache gar nicht gibt, sondern innerhalb des deutschen Sprachraums eher verschiedene Regionalstandards mit dialektalen Einsprengseln vorhanden sind. Darunter fallen zum Beispiel Helvetismen und Austriazismen, die wiederum als solche im Duden und anderen Wörterbüchern vermerkt werden. Alle deutschsprachigen Länder grenzen sich sprachlich voneinander ab, gehen ineinander über und übernehmen auch voneinander. Hochdeutsch ist eine Standardsprache, da sie unabhängig von Schicht und Region benutzt werden kann und wird. 

Standardsprache und und Regiolekte verändern sich bewusst und unbewusst stetig, bzw. werden von uns, den Anwendern und Nutzern verändert. Sprache wird nicht erfunden, etwa von Gelehrten im stillen Kämmerlein, sie entsteht durch Einflüsse von Menschen – und wandelt sich stetig. Die Ergebnisse landen früher oder später im Duden, was zeigt, dass die Hochsprache kein statisches Konstrukt ist, sondern gelebte Sprache. 

Die Standardsprache ist keine Richtlinie für alle anderen Variationen, sie liefert die Orientierung, die Leitlinie beim Spracherwerb und bei auftretenden Fragen. Wörterbücher, Grammatiken und Bücher, die bei Aussprache und Stil helfen, sind die Mittel und Nachschlagewerke zu diesem Zweck. Dialekte haben meist keine einheitliche Schrift, meist nicht einmal eine einheitliche Sprache, die Standardsprache schon. Sprachwissenschaftlich ist die Einordnung schwieriger, es lauern Fragen: Kann es einen Dialekt ohne Standardsprache geben? Ist die Hochsprache nicht eine Voraussetzung für den Regiolekt? Wieder ein weites Feld der Linguistik, dem ich Räume geben könnte. 

Wie Du meinem Posting entnehmen kannst, verweigere ich keinem Regiolekt und auch keiner Schriftsprache ihre Ambivalenz, denn letztlich ist es genau das, was Sprache ausmacht – wir streiten und diskutieren über sie und ihre Auslegungen. Das tun nicht nur wir, das passiert in jedem Uni-Seminar, jeder Redaktion und auch bei Dudens. 

Und ja, Dialekt ist ein Merkmal der Schichtzugehörigkeit (Soziolekt), was nicht gut oder schlecht ist, es ist einfach so. Die Durchmischung der sozialen Schichten hat sich aber in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert, die da oben, die sich durch Französisch abgegrenzt haben, gibt es so nicht mehr. Aber ist es nicht so, dass man sich durch eine stoische Nutzung des Dialektes genau so abgrenzt wie damals die da oben? Wenn ja, warum eigentlich? 

Und dann haben wir auch die Veränderung, die Du an Deinen Kindern bemerkst: Sie haben eine andere Bildung erhalten, arbeiten nicht unbedingt vor Ort, sie kommen raus und rum. Dazu ein Beispiel: Meine Familie väterlicherseits stammt aus Ostpreußen, Ostvertriebene, die nach dem 2. Weltkrieg erst in Halle an der Saale landeten und, als es dort immer unfreier wurde, in das Ruhrgebiet kamen. Nicht freiwillig, weil es hier so schön war, sondern weil es Arbeit gab. Mein Opa hat Straßen gebaut, mein Vater das Einjährige. Mehr ging finanziell nicht, weil das Abitur Geld voraussetzte und mein Vater sich daher bei der Bundeswehr verpflichtete, um so mehr Bildung zu erlangen. Die Familie meiner Mutter ist im Münsterland und Ruhrgebiet verortet und Bildung hieß dort 7 Jahre Volksschule. Erst mir war es, dank 68ern und sozialem Aufstieg und einer Menge Arbeit meiner Eltern, möglich, die Universität zu besuchen. 

Das sprachliche Durcheinander in meiner Familie kannst Du Dir ausmalen: Während meine Großmutter ostpreußische Variationen einbrachte, fluchte mein Opa (der sehr lange in russischer Kriegsgefangenschaft war) auch russisch und polnisch, wobei sie beide als bescheidene Protestanten stets um einwandfreies Hochdeutsch bemüht waren. Das hatten sie so in Ostpreußen gehandhabt und taten es auch hier. Ruhrdeutsch empfanden sie, und auch mein Vater, als amüsant, aber vulgär und nicht gerade schön. Die katholische Familie meiner Mutter brachte mir Ruhrdeutsch und Anteile Münsterländer Wortwahl bei, während ich mich bemühte Germanistik zu studieren und dementsprechend Dialekt und Hochsprache zu pflegen. Kurz: Meine Familie ist ein Musterexemplar des Ruhrgebietes, wo alle aus einem anderen Land, einer anderen Kultur und Sprachregion kommen. Macht aber nichts, wir werfen zusammen, sitzen an einem Tisch und tauschen uns aus. Aber: Unsere einzelnen Dialekte sterben aus, vermischen sich und ergeben quasi einen neuen Regiolekt. Und dann habe ich noch einen Schweizer mitgebracht und ertappe mich ab und an bei einem Helvetismus. Nun ja. 

Ebenso ohne jegliche Wertung sind meine Beispiele zu sehen, wobei die Schweiz natürlich als beispielhaft gelten kann, da die Hochsprache oftmals eben nicht als übergeordnetes Gemeinsames mit den österreichischen und deutschen Nachbarn gilt. Was so auch wieder nicht stimmt, schließlich gibt es auch hier ein Schriftdeutsch, was unserem Hochdeutsch recht nahe kommt, Standarddeutsch, das ein wenig an das erinnert, was Emil uns in den 1970ern verkaufen wollte, und lokale Dialekte in zahllosen Variationen. 

Es kommt vor, dass sich einige Schweizerinnen und Schweizer auch sprachlich unbedingt von uns, den Deutschen, abgrenzen möchten. Man mag es gut finden oder nicht, aber in der Deutschschweiz spricht der Professor Dialekt und der Bauer auch. Standesunterschiede? Nöö, den Adel, die blöden Habsburger, die ja nur vermeintliche Deutsche waren, hat man doch verjagt und fremde Vögte, also welche von auswärts, haben nichts zu melden, und dann stand doch der Adolf mal fast vor der Tür und nun sind sie wieder in Scharen da, Deutsche mit ihrem geschliffenen Hochdeutsch und ihrer direkten Art – da kann man sich ab- und vielleicht auch ausgrenzen, muss aber auch die Konsequenzen tragen, Stichwort Inseldasein. 

Und kann es nicht auch sein, dass in der Deutschschweiz, und gerne auch in Süddeutschland, Standardsprache einfach ein zu schlechtes Image hat und genau das Unsinn ist? Weil Schriftsprache auch Möglichkeiten bietet. Weil Standardsprache bereichert und nicht einschränkt. 

Warum lassen süddeutsche Politiker durchblicken, woher sie kommen? Um zu zeigen, wir sind aus dem Volk, genau so wie Du, also wähle mich, ich bin glaubwürdig, ich könnte Dein Nachbar sein. Die Sprache als Werkzeug und Mittel zum Zweck – auch ein Thema. 

Tja, und dann der Süden Deutschlands an sich. Ist er beispielhaft oder übertrieben in seiner Dialektliebe? Dabei ist er doch nur ein Teil Deutschlands, und andere unken, Bayern ist sowieso nicht Deutschland … 

Und dann gibt es noch Entwicklung und Historie der Dialekte und der Standardsprache. Ebenfalls ein weites Feld. Du merkst, ich sehe viele Ansätze und Möglichkeiten – worüber wollen wir reden? 

PS: Ich plädiere übrigens für das Blog. Duden sagt, es heißt das, der geht aber auch. Immerhin brauchen wir über den Plural nicht zu reden, die geht immer :)

PPS: Dazu ein Link zu einem Artikel, der sich mit dem Blog-Thema befasst.

Montag, 27. April 2015

sprechen wir es aus: deutsche dialekte und deutsche hochsprache.

Dialekt ist angesagt, zumindest als Thema: Neben dem Test namens Moin, Grüezi, Servus - wie wir wo sprechen, der überraschend zielgenau ist, finden sich immer wieder Artikel, die auf den Verfall und das Aussterben der Dialekte hinweisen. Heute hat Spiegel Online wieder einen rausgehauen, der mich zum Nachdenken bringt. Es geht um das Image von Dialekten und Dialektsprechern - und den Umgang mit dem heimischen Dialekt

Ich tue mich schwer, eine Variante zu bevorzugen, für mich dürfen, können und sollen beide nebeneinander existieren. Es ist schön und gut, wenn man beide beherrscht, den lokalen Dialekt und die Hochsprache. Was mich irritiert, ist die Bevorzugung und Betonung einer Seite, sie gehören zusammen, sind sie doch lediglich Variationen oder Ausprägungen. 

Die Realität weicht oft von meiner Sichtweise ab: Während in Deutschland Dialektsprecher als dumm oder ungebildeter angesehen werden, sieht es in der Schweiz und in Österreich anders aus, denn dort wird die eigene Identität, das Wohlfühlgefühl, die Verbundenheit untereinander und mit der Heimat sehr stark mit dem eigenen Dialekt in Verbindung gebracht. Meinetwegen, wenn es nicht in Patriotismus und Nationalismus ausartet – und andere ausgrenzt.  

Die Koexistenz von Dialekt und Hochsprache scheint schwierig zu sein. Hochsprache wird schon einmal als blasiert, hart oder auch direkt angesehen, während der heimische Dialekt bevorzugt und gestreichelt wird. Dabei wird gerne vergessen, dass das sogenannte Schriftdeutsch doch auch die Mutter- oder Vatersprache ist und vornehmlich einem Sinn und Zweck dient: der Verständigung, dem Austausch und dem Miteinander. Und das funktioniert sehr viel leichter, wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, der in diesem Fall für Deutschland, Österreich und die Schweiz wie am Schnürchen laufen könnte. 

Könnte, weil es leider nicht immer so ist, wie der Artikel vorgibt: Nicht alle Dialektsprecher sind ungemein versiert, weil mehrsprachig, und beherrschen Hochsprache und Dialekt. Eigentlich logisch, denn eine Sprache fluppt nicht so reibungslos, wenn ich sie nicht benutze und sie mir fremd, ungewohnt und unbehaglich ist. Dann fehlen Worte und Wörter, Redewendungen klingen unbekannt und die Sprachmelodie mutet hölzern an. Und dann passiert das, was passieren kann: Die Verständigung klemmt, betretenes Schweigen trifft auf und wir tun uns schwer mit- und untereinander. Da wäre es doch besser, einfach zwischen Dialekt und Standardsprache hin- und herschalten zu können, oder? 

Immer wieder lese und höre ich den Vorwurf, die deutschen Dialekte sterben aus. Ist es so? Und wenn, ist es unbedingt schlecht? Es gibt eine andere Seite zu bedenken: Dialektsprecher, die sich vehement und bedingungslos für die eigenen, lokalen Sprachgewohnheiten einsetzen, wollen sich oft gar nicht austauschen, sie wollen sich meist lieber auf sicherem Terrain bewegen oder meist gar nicht bewegen oder verändern. Die anderen, fremden, neuen, nicht seit dem Mittelalter im Ort ansässigen Menschen sollen sich nämlich bewegen, sie sollen sich anpassen, besser noch assimilieren – und sprachlich dazugehören, weil dann die Welt in Ordnung ist. 

Eigene Sprachmerkmale, liebgewonnene Ausdrucksweisen, einseitige Sichtweisen sind wichtiger als die der anderen, die gehören unter den Teppich und sollen die Klappe halten. Daraus entsteht eine selbstgewählte Isolation, die nicht auf Veränderung, Bewegung und Kommunikation abzielt, man bleibt unter sich, alles bleibt so, wie es ist, und gut ist. Das ist der Preis, wenn keine Offenheit vorhanden ist und die gemeinsame Basis an der Nasespitze endet. Oder Hochsprache und Dialekt dürfen neben- und miteinander sein - das wäre eine Alternative, eine Möglichkeit, die alle berücksichtigt.

In Deutschland bekommen wir von Geburt an eingetrichtert, Hochdeutsch ist die Bildungssprache und wer nur und fast nur Dialekt spricht, versaut sich Chancen auf höhere Bildung, sozialen Aufstieg, bessere Berufswahl und variable Arbeitsplätze. Ergo lernen wir zu Hause (immer im Rahmen der Möglichkeiten) Hochdeutsch, sprechen im Kindergarten Hochdeutsch und in der Schule auch – alles im Bewusstsein, der Dialekt hat seine Existenzberechtigung, aber er gehört in die Freizeit oder an den Stammtisch. 

Das klingt für Österreicher und Schweizer vielleicht dogmatisch, ist es aber nur, wenn eine Variante bevorzugt wird und nicht beide gleichberechtigt nebeneinander sein dürfen. Denn üblicherweise können sich Ostfriesen, Sachsen und Bayern miteinander austauschen und reden, alle lernen und beherrschen mehr oder weniger eine Sprache, die sie unter einem Label eint – Hochdeutsch, mit zuweilen charmanten Einsprengseln des eigenen Lokalkolorits. 

Es geht auch anders: Nehmen wir die Schweiz, wo der Dialekt gerne mal gepriesen wird und das Schriftdeutsche zuweilen als Bühnendeutsch abgetan und vermieden wird. So klein die Schweiz erscheinen mag, sie ist reich an Dialekten, die alle paar Kilometer wechseln. Das weiß man, kennt man, akzeptiert man und spricht miteinander. Dort lernt man meist ausschließlich Dialekt, mit 5 oder 6 Jahren kommt man üblicherweise und je nach Kanton für 1 oder 2 Jahre in die erste Klasse, den Kindergarten. Dort, und manchmal auch erst später, wird Deutsch als Schriftsprache gelernt, wie in deutschen Gefilden Englisch oder Französisch. Im Ergebnis wird die deutsche Hochsprache, die eine der 4 Landessprachen ist, als Fremdsprache empfunden und gelehrt. Das bringt oftmals eine Abneigung gegen die fremde Sprache, die im großen Kanton im Norden gesprochen wird, mit sich: Missverständnisse tauchen in der Kommunikation auf, unüberwindbare Barrieren ergeben sich. Schade, denn wir und die Deutschschweizer haben doch eine gemeinsame Basis. Wir könnten miteinander und nebeneinander, auch sprachlich.

Und jetzt mal ehrlich: Wir handeln global, reisen durch und in alle Länder der Welt, aber geht es um die eigene Sprache, die alltägliche oder schriftliche, dann handeln wir regional, lokal und sind auf einmal ganz klein. 

Warum nur schränken wir uns ein, bauen Grenzen auf und machen uns gegenseitig Vorschriften? Weil das Fremde fremd ist und heimatliche Klänge Zuhause sind? Warum bereichern wir uns nicht, indem wir Möglichkeiten nutzen, statt sie verbauen? 

Und wenn wir untereinander, also zwischen den einzelnen deutschen Dialektgebieten schon keinen gemeinsamen Nenner finden und nutzen wollen oder können, den die deutsche Hochsprache bietet, und jeder auf seinem Recht und Vorrang beharrt, wie, ja wie eigentlich, wollen, können und sollen wir das mit Besuchern, Gästen, Freunden, Familienmitgliedern, Kulturen, Mentalitäten und Hilfsbedürftigen aus anderen Ländern hinkriegen?

Dienstag, 14. April 2015

kurze texte sind billiger.

Nein, ich möchte mich nicht beschweren, niemanden anprangern, sondern eher ein oder zwei Dinge klarstellen, die mir schon länger auf dem Herzen liegen. Es geht um Texte und die Menschen, die sie schreiben. Einzigartige Texte, individuelle Texte, Content-Texte, Marketing-Texte, Texte, die Suchmaschinen gefallen, Texte, die gut zu lesen und informativ sind. Texte für Blogbeiträge, Pressemitteilungen, Webseiten, Broschüren, Kundenzeitschriften - kurz: Fast alles, was wir lesen, hat jemand geschrieben, der damit ihr und sein Geld verdient und davon lebt. Manche besser, manche schlechter. Also, leben, obwohl das mit dem Schreiben ... nun ja. 

Immerhin, und das schreibe ich bewusst, ist den meisten Menschen klar, dass Texte einen Sinn haben. Über die Qualität von Texten und den Anspruch an Texte könnten wir streiten, da gibt es viele Meinungen, und nicht zuletzt geht es um dem Preis, den Menschen, Kunden und Auftraggeber zu zahlen bereit sind. Sie vertreten manchmal die Meinung, schreiben kann jeder, also ist es keine Kunst, kein Handwerk, kein Talent und auch keine Erfahrung oder Wissen - und dementsprechend günstig sind die Ergebnisse. Das Schreiben liegt uns wohl im Blut, im Land der Dichter und Denker. 

Und nun kommen doch wieder all die schreibenden Menschen ins Spiel: Es beginnt mit der Tatsache, dass Texter kein geschützter Beruf ist. Jeder, der irgendwann einmal irgendwo etwas veröffentlicht hat, kann sich Texter nennen. Das heißt, wenn Tante Klara meinen Aufsatz über Blumen und Bienen in der 8. Klasse so gelungen fand und ich mich berufen fühle, tja, dann bin ich halt Texter und schreibe munter los. Habe ich einen lustigen Kommentar für die Abi-Zeitung verfasst, agiere als Leserreporter des lokalen Käseblättchens, habe einen VHS-Kurs besucht, betreibe ein Blog oder habe ein Buch im Selbstverlag veröffentlicht - schwupps, gehöre ich zur schreibenden Zunft. Ganz schön einfach, nicht? 

Dementsprechend viele Texter und Texterinnen lassen sich finden. Einen Überblick zu bekommen, das ist für Laien recht schwer, schließlich werden wir von Texten dermaßen überschüttet, dass es schwierig erscheint, einen guten von einem schlechten Text zu unterscheiden. Doch, es geht schon: Massenware langweilt, informiert nicht, benutzt Phrasen und leere Floskeln, strotzt vor Fehlern und macht schlicht keinen Spaß. 

Und dann ist da noch der Preis: Ein guter Text ist nicht billig, vielleicht annähernd günstig, aber niemals billig. Und den Preis kann fast jeder beurteilen, indem er rechnet: Wie soll jemand von einem Stundensatz leben, der unter dem Mindestlohn liegt? Sehr schlecht, da bin ich mir sicher. Und warum sollte jemand motiviert, engagiert und kompetent für den Preis einer Tasse Kaffee schreiben? Warum sollte ich meine Fähigkeiten, meine Erfahrung und meine Zeit einsetzen, wenn es sich nicht wenigstens auch finanziell ein wenig lohnt? 

Die meisten Agenturen wissen das, verhandeln zwar gerne, wissen aber genau, wenn sie hochwertige Texte haben möchten, kostet das Geld und lohnt sich. Schließlich bringen die Texte ihren Kunden später Geld und darum geht es doch. Um so erstaunlicher sind Anfragen, die immer mal wieder bei mir eintreffen und zuweilen Empörung auslösen, weil ich eben nicht für 20 oder 30 Euro die Stunde zu haben bin, nicht für 100 Euro eine komplette Webseite betexte und auch keinen Fachbeitrag für 80 Euro schreiben möchte. Solche Anfragen kommen meist von kleineren oder mittleren Unternehmen, Einzelkämpfern oder Menschen, die es eigentlich besser wissen sollten. Sie arbeiten auch nicht unter ihrem Preis, möchten aber möglichst viel Gewinn einstreichen, weshalb der Text, das Design, das Layout oder das Foto so wenig wie möglich oder besser gar nichts kosten sollen. 

Neben der Entrüstung, die mir manchmal entgegenschlägt, wiederholen sich die Aussagen: Es ist doch nur ein kurzer Text, den tippen Sie schnell runter, der kann doch nicht mehr als eine Handvoll Euro kosten. Machen Sie mal eben, der Text könnte längst fertig sein! Vielleicht haben Sie noch einen Text rumliegen, der tut es für mich. Und ganz besonders schön: Wenn der Text toll ist, bekommen sie ganz viele Aufträge von mir/uns und dann lohnt sich das doch! 

Totschlagargumente, und etwas anderes sind solche Aussagen nicht, halte ich grundsätzlich für dumme Manipulationsversuche, hilflose Akte und vielleicht noch Machtgehabe, aber ernst nehme ich sie nicht. Ich erkläre nicht mehr, warum gerade Überschriften (und auch Headlines, Sublines etc.) und kurze Texte sehr viel Zeit, Arbeit und Können erfordern. Geiz ist geil ist vielleicht ein ziemlich blödes Beispiel, aber wenn es nicht gerade ein Zufallsprodukt war, haben diese drei kleinen Wörter eine Agentur und/oder einen Texter recht lange beschäftigt und (hoffentlich) auch ziemlich viel Geld eingebracht. Das Teil dudelte immerhin überall rauf und runter und hat dem Unternehmen bestimmt beneidenswerte Umsätze beschert. 

Ich könnte solche Anfragen getrost ignorieren, sie lakonisch löschen, wenn sie per Mail kommen, es ändert aber an der Sache nichts und sie kommen dennoch immer wieder. Wie also damit umgehen? 

Und es bleibt die Frage, warum Texterinnen und Texter auf solche Angebote eingehen und sich maßlos unter Wert verkaufen? Verzweiflung? Not? Anerkennung? Ihr Lieben, Ihr macht Euch den Markt selbst kaputt und lebt dazu noch von 20 Euro am Tag, denn mehr verdient Ihr nicht an dem Auftrag und werdet es auch in Zukunft nicht tun. 

Ich muss Euch nicht erklären, dass Eure Krankenkasse und Rente bezahlt werden möchten, die Miete und das Essen auch und von Arbeitsmitteln wie Telefonanschluss, PC, Laptop gar nicht zu reden. Wohnt Ihr alle im Keller Eurer Eltern oder habt Ihr einen Partner, der für Euch sorgt und schreibt Ihr nur zur Selbstverwirklichung? Und wie fühlt Ihr Euch so als Fließbandarbeiter? Entrüstet Ihr Euch auch ausreichend über böse Kunden, die Euch darben lassen? Tja, dann bekommen ein paar von Euch auch das, was sie verdienen. Nämlich, kurze Texe sind billiger. 


Montag, 22. Dezember 2014

weihnachten 2014. und alles dreht sich im kreis.

Foto: Pierino Cerliani

Für die Bayern bin ich eine Preußin, für die Niederländer Duits, gehöre damit zum Volk derer, die damals, als genau das noch völlig üblich und prima war, nicht Latein sprachen. Im englischsprachigen Raum bin ich german, also eine Germanin, was nicht so falsch ist, weil es übergeordnet hinkommt, während wir hier im nördlichen Europa andererseits alle Germanen sind, also auch die Schweizer, Holländer und Skandinavier.

Doch eigentlich bin ich eine Sächsin, was nichts mit dem Bundesland Sachsen zu tun hat. Manchmal bin ich auch eine Westfälin und dann wieder schlicht ausm Ruhrpott. Hängt immer von der Zeit, dem Ort und der Sichtweise ab. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit, denn väterlicherseits bin ich in Ostpreußen verwurzelt und die Familie der Mutter meines Vaters bestand aus österreichischen Religionsflüchtlingen. Die Österreicher nennen mich wohl Piefke und Amerikaner meinen, ich esse dauernd Kraut oder bin eine Hunnin, wobei die Hunnen, nun, lassen wir das. Dann doch lieber Kartoffelfresserin, wie mich manche Russen nennen, die mag ich nämlich sehr. In Schweiz hält man mich für eine Schwäbin, wobei Schwaben Alemannen sind, die wiederum Germanen sind, wozu auch die Schweizer gehören.

In der Schweiz bezeichnet man mich auch gerne als Norddeutsche, während ich in Hamburg unter Norditalienerin laufe, was die Italiener bestimmt ganz anders sehen. Mein Mann ist übrigens Schweizer, genauer Deutschschweizer oder Zürcher, also ganz genau stimmt das nicht, denn seine Vorfahren waren auch ziemlich viel unterwegs, ein paar kamen passenderweise aus Norditalien.

Die Norditaliener, jedenfalls ziemlich viele, kommen ursprünglich aus dem Nordosten Europas. Vielleicht haben mein Mann und ich sogar gemeinsame Vorfahren. Hunnen, Goten, Heruler, Langobarden oder sogar Vandalen, von denen sich zwei im Jahr 573, also zur besten Völkerwanderungszeit, abends am Lagerfeuer trafen:

Hömma, Erwin, ich muss mal was mit Dir bereden. Der Chef ist doof, die Nachbarn spinnen, die von der Sekte da drüben wollen mich bekehren, mit dem Einkaufen ist auch nicht so gut, die Frau hat schon Plattfüße, das Dorf ist ziemlich voll und die Schule der Kinder … kurz: Nächste Woche ziehen wir gen Westen, da soll es besser laufen.
 

Jau, is schade, aber ich versteh das. Das trifft sich, weil ich habe auch was zu vermelden: Wir haben uns überlegt, da unten im Süden ist das Wetter besser. Ich hab ja auch ein bisschen Rheuma inne Erbanlagen, dem Kerl drei Feuer weiter passt meine Nase nicht und – was soll ich sagen, ich verdien da unten einfach mehr und wenn mir ein Stein aufn Kopp fällt, kümmern die sich um meine Mischpoke. Ich muss dann auch los, packen, weiße. Karl-Heinz, war schön mit Dir! Mach gut.

Und ab ging es nach Ostpreußen, bzw. nach Norditalien, wo die Hamburger doch mich verorten! Da schließt sich ein Kreis. Und der nächste öffnet sich:

Meine Schwägerin ist Halbkolumbianerin, meine Nachbarn aus der Türkei, mein Eismann gebürtiger Italiener, mein Lieblingsrestaurant führt ein Grieche, meine Freundin hat einen Perser geheiratet und meine liebste Kollegin kommt aus Castrop-Rauxel. Alle sind und waren unterwegs. Dorthin, wo es vielleicht ein wenig besser, schöner und friedlicher ist. Seit Jahrtausenden ist das so. Wir ziehen von einem Ort an einen anderen. Verlassen unser Heimatland und schauen uns um. Wir siedeln uns an, treiben Handel und leben unser Leben. Im Gepäck haben wir Tomaten (die brachte Kolumbus mit), Nudeln (wenn die Sache mit den Chinesen stimmt), Pizza, Döner und noch so einige Dinge und Sachen. Wir nehmen sie, gerne sogar, aber nur bis vor die Haustür, drinnen herrschen andere Regeln, da hat kein Fremder und nichts Fremdes was zu suchen.

Es geht aber noch weiter, mitten in unserem Alltag: Bananen kommen aus Ecuador, die Erdbeeren Weihnachten aus Marokko, der Fisch aus Aquakulturen von den Philippinen, die Kleidung zumeist aus Bangladesch oder der Türkei, unser Öl aus den Emiraten, während Technik aus Asien zu uns kommt und die Chinesen gleich auch noch Knoblauch liefern und Israel oder Australien unsere Kartoffeln. Wir wollen Güter von auswärts, die Menschen mit ihren Eigenarten und Besonderheiten aber nicht. Die sind fremd, einfach anders und nehmen uns (gefühlt) was weg. Dabei waren und sind wir doch alle fremd. Irgendwo und irgendwann. Und wie können sie uns etwas wegnehmen? Land kann doch niemanden gehören, Bildung auch nicht und Religion schon mal überhaupt nicht. Und sowieso: Immer war jemand vor uns dort und auch hier. Nehmen wir dem nun was weg?

Interessanterweise schreien besonders vehement Menschen, die kaum fremde oder andersartige Menschen um sich haben und kennen. Das zeigen Statistiken. Lautstark stigmatisieren sie die Zersiedelung der Landschaften, die fehlenden Arbeitsplätze und Wohnungen, die Vermischung der Kulturen, die fremden Einflüsse, die vollen Busse, Bahnen und Autobahnen und natürlich die vielen fremden Menschen vor Ort. Also, vor der eigenen Haustür, denn drinnen, eben, da hat niemand etwas verloren. Und dann fallen Worte wie Dichtestress und Überfremdung. Altbekannter Nazi-Jargon, aber Rassisten sind doch die anderen!

Und im Februar 2014 haben die Schweizer entschieden, dass sie ihren Wohlstand, den sie fast immer von fremden Menschen, oft sogar in fremden Ländern erarbeiten lassen, nicht mehr teilen wollen. Und in Deutschland gehen vor allem die östlichen Bundesländer auf die Straße, obwohl doch genau sie sich erinnern sollten, wie es ist, wenn man nicht so darf, wie man gerne möchte.

Dabei geht es uns allen doch nur so gut, weil immer jemand die Rechnung bezahlt. Wir leben auf Kosten anderer. Denen in Bangladesch, Afrika und Asien, die nicht so viel Erfolg mit diesem vermaledeiten Prinzip haben. Und es ist uns egal, wie es ihnen geht. Weil die ja zum Glück weit weg sind und wir uns das Elend nicht ansehen müssen. Das ist halt so.


Ich weiß gar nicht, was ich uns wünschen soll: Dass es mal andersrum läuft und wir die Gelackmeierten sind. Oder die Welt gerechter ist und wir uns alle mal selbst ganz kräftig an die eigene Nase fassen. Es dreht sich doch alles im Kreis. Immer wieder, selbst die Erde. Und da kommen wir weg. Alle.

Denkt drüber nach. Sie bitte auch. Schließlich ist Weihnachten. Da haben wir doch Zeit. Und Anlass täglich mehr als genug. In diesem Sinne: Friedliche Weihnachten und ein besseres 2015.

PS. Die Weihnachtszeit verbringen wir kuschelig zu Hause oder mit Freunden. Es geht nicht allen Menschen so gut wie uns: Viele Flüchtlinge, die auf dem Weg in die Freiheit alles verloren haben und nun in einem für sie ganz fremden Land, in einer unbekannten Kultur, ohne unsere Sprache zu verstehen und oft sehr allein leben, freuen sich über ein wenig Unterstützung und Hilfe. Auch und besonders zu Weihnachten. Zwei Kolleginnen von mir haben etwas auf die Beine gestellt, wir können nämlich alle etwas tun, daher schaut auf dieser Seite vorbei: http://wie-kann-ich-helfen.info